Dienstag, 1. Dezember 2009

Tagebuch unserer Mutter - Teil 2

Aus Mutters Tagebuch von 1996 übertrug ich das Kapitel »Moskau«
Wir sind im Jahr 1915, also mitten im ersten Weltkrieg mit Mutter und ihrer mitgereisten Familie in Ohrdruf in Thüringen angekommen.


Wenn man mich beschäftigen wollte, dann gab man mir ein Stück Papier und einen Bleistift. Ich malte so unendlich gern, ganze Geschichten, oder wenn ich irgendwo etwas gesehen hatte, besonders Karikaturen begeisterten mich. So hatte ich wohl einmal in einem Schaukasten in Moskau den deutschen Kaiser entdeckt, eine Karikatur! Der deutsche Kaiser auf dem Nachttopf mit Pickelhelm und Schnauzbart!! Das malte ich … Die Verwandtschaft war empört! „Oh, ich „enfant terrible“.

Die Stimmung zwischen den Verwandten war sowieso gespannt, man ließ es die armen Verwandten, die so viel in Russland erreicht hatten und so stolz gewesen waren, die Verärgerung merken.

Wohl hatte meine Mutter ihren Schmuck in ihrer Kleidung eingenäht, auch mein Vater hatte eine Menge Geld in ausgehöhlter Seife und anderen Dingen über die Grenze schmuggeln können, so waren sie nicht ganz arm. Aber sie hatten keine Bleibe. Vater bekam eine Anstellung als Dolmetscher in einem Kriegsgefangenenlager bei Ohrdruf und fand auch eine möblierte Wohnung für uns.

Ich kam in die Schule!! Wir hatten Schiefertafeln und ich lernte das „ABC“. Da ja Krieg war und es keine Schultüten gab, mußten wir Schultüten auf die Schiefertafeln malen. Aber von irgendeiner Tante bekam ich doch noch eine richtige Schultüte! –
Irgendein Sieg wurde gefeiert und man hatte am Rathaus einen Hindenburg aufgebaut und der sollte nun benagelt werden. Die Bürger mußten die Nägel kaufen, je nach Spende aus Gold, Silber oder Kupfer. Ein großes Fest wurde veranstaltet mit Blas- und Marschmusik. „Heil dir im Siegerkranz“, „Hoch weht die Flagge Schwarzweißrot“ wurde gesungen. Wir Kinder bekamen Matrosen-Anzüge, mit weißen Blusen, Matrosenkragen, blauen Hosen oder Faltenröckchen. Wir Mädchen hatten Rosenkränzchen im Haar. Beim Goldenen Anker gab es Rostbratwürste in langen Brötchen. Das war noch 1916. –



Auch 1916 wurde mein Vater in das Kriegsgefangenlager bei Güstrow in Mecklenburg versetzt:
Wann und in welchem Monat wir nach Güstrow kamen, das weiß ich nicht mehr. Vater hatte eine große möblierte Wohnung von zwei alten Damen mieten können. Es ging wieder aufwärts.
Meine Mutter war auch in dem Lager als Dolmetscherin tätig. Wir Kinder gingen in die Schule, zu einem Mittagstisch und nachmittags konnten wir unsere Schularbeiten unter der Aufsicht einer alten Lehrerin machen. –

Die erste Zeit in Güstrow war für mich fürchterlich, oft wurden wir auf der Straße angepöbelt „Ruski, Ruski“ und die Steine flogen. Wie oft habe ich mir da die Hosen naß gemacht. –


Auch in der Schule hatte ich es anfangs sehr schwer. Ich verstand wohl Deutsch sehr gut und Alles, was man sprach, aber ich hatte immer nur auf russisch geantwortet. Wenn ich dann in der Schulstunde etwas sagte, in diesem unmöglichen Russendeutsch, fing die ganze Klasse an zu lachen. Man ärgerte mich, riß meine Kleidung vom Haken und zertrampelte sie. Meine Mutter ging zum Direktor, der meinte, ich solle doch die Schule verlassen. –

Gegenüber unserer ersten Wohnung in der Rostocker Straße war ein Ackerbürger, stand eine Scheune. – In der ersten Zeit konnte man oft den regelmäßigen Takt der Dreschflegel hören. Das Tor stand weit auf und oft habe ich beim Dreschen zugeschaut. Ich hatte mich dort auch angefreundet. Ich durfte die Eier im Heu suchen und sammeln, die Zentrifuge bedienen. Ich bekam dann oft den Schau von der Magermilch und dazu ein Stück Schwarzbrot. Auch Erdbeeren durfte ich im Garten pflücken, allerdings mußte ich dabei immer pfeifen. Bald hatte ich aber raus, Erdbeeren essen und dabei pfeifen, --

Dann kam der berüchtigte Kohlrübenwinter 1918. Ich bekam vom Arzt einen ½Liter Vollmilch verschrieben wegen Unterernährung. Bei unserem Mittagstisch gab es immer öfter Dicke Bohnen, ohne Fett und Fleisch.

Im Kriegsgefangenenlager kamen oft Liebesgabenpakete für Gefangene aus ihrer Heimat, dann kaufte mein Vater Lebensmittel von ihnen ab. Besonders die Engländer wurden gut versorgt, Da lernte man Goldensyrup und Chesterkäse in Dosen kennen. So gab es auch abends, wenn mein Vater Geschichten vorlas ein kleines Stückchen Schokolade. Oft schmeckte sie nach seife uns sonstigen Dingen, aber sie war süß.—

Dann kam im November 1918 die Revolution. In der Stadt wurde geschossen. Wir mußten auf Umwegen von der Schule nach Hause gehen. Ich hatte gesehen, wie man eine verletzte Frau vorbeitrug, ich hatte eine Wahnsinnsangst, daß meiner Mutter etwas passieren könnte. Abends saßen wir in den hinteren Zimmern, damit zur Straße kein Licht war. In erleuchtete Fenster schoß man. Dann ging das Plündern los, auch die Bäckerei, uns gegenüber, räumte man aus. Da kam meine Schwester mit zwei großen Broten, sie hatte einfach mitgemacht. –
In dieser Zeit hatten wir auch ein Stück Feld, einen Garten. Vater hatte dort ein kleines Häuschen aufgebaut. Ganz in der Nähe war auch ein kleiner Tümpel, aus dem wir unser Gießwasser holen konnten. In dem Tümpel waren gelbbäuchige Molche, viele Frösche und Blutegel, vor denen hatte ich besonders Angst. Ich bekam auch ein Beet, auf dem ich Bohnen erntete und mir hübsche Blumen zog. Das war weit draußen an der Schweriner Straße.


Auch an die Inflationszeit erinnere ich mich noch. Wenn wir unser Taschengeld bekamen, sausten wir in die Stadt und setzten Alles in Süßigkeiten um, Millionen, Trillionen, ach ich weiß es garnicht mehr.

1922 konnte mein Vater in Dettmansdorf bei Güstrow ein Haus bauen. Wir bekamen jeder ein Zimmer und durften uns die Farben für den Anstrich aussuchen, Vater hatte in dem Kriegsgefangenenlager Werkstätten eingerichtet. Schreinerei, Korbflechterei. So konnte er auch Möbel für uns bauen lassen. Meine Schwester und ich bekamen jeder einen Schreibtisch. Vater ließ sich Bücherschränke bauen. Die Kosaken konnten wunderschön schnitzen und so bekamen wir ganz besonders schöne Möbel. Auch meine Schwester erhielt einen Schrank mit geschnitzten Vögeln. –

Der Krieg war zu Ende und die Kriegsgefangenen wurden entlassen.
Nach den Kriegsgefangenen zogen jetzt Flüchtlinge in das Lager. Flüchtlinge aus dem polnischen Korridor, die für Deutschland optiert hatten.

Bei dem Haus war auch ein Stall und wir hatten zwei Schweine. Vater hatte auch einen Hühnerstall aufgestellt. Hühner, Enten und Gänse bevölkerten nun unseren Hof. Vater hatte im Garten Spindelbäume am Zaun entlang gepflanzt und um den Komposthaufen Himbeeren.
Unser Haus lag nicht weit von einem Buchen-Hochwald. Im Frühling blühten dort Anemonen, Leberblümchen, die Frühlingswalderdbeere. Es war wunderschön im Frühling, wenn die Buchen ihr zartes Grün entfalteten und der Zilpzalp seine Stimme hören ließ.
Auch einige Schonungen mit weichen Mooswegen waren nicht weit, dort habe ich oft gesessen und meine Schularbeiten gemacht, ganz still. Dann kam schon mal eine Häsin mit ihren Jungen heraus gehoppelt und die Vögel hüpften ganz dicht an mich heran.
Ganz in der Nähe war auch ein Teich. Wilde Iris, Vergissmeinnicht, Schilf umsäumten dieses Kleinod, in dem es nur so wimmelte von Fröschen und Molchen. Oft war der ganze Teich dicht bedeckt mit dem grünen Entenflott. Ich hatte auch die Aufgabe unsere Enten dorthin zu treiben, damit sie sich so richtig satt fressen konnten. Ich saß dann in einer alten Weide und wollte französische Vokabeln lernen, aber meistens träumte ich, ersann und erzählte mir Märchen und Geschichten.

Wir hatten ja zwei Schweine und kurz vor Weihnachten und im Januar war Schlachtfest. Mutter konnte phantastische Wurst machen, nach alten thüringischen Rezepten. Die Würste und Schinken mußten wir dann mit dem Handwagen zu einer Fischräucherei bringen.
Unser Haus stand in Dettmannsdorf, eine Art Vorort von Güstrow.

Eine neue Mitschülerin, Inge Schlie, zog auch dorthin, nicht weit von uns. Sie wurde meine beste Freundin. Wir hatten zusammen Tanzstunde und Konfirmationsunterricht. Und ich war ein richtiger Backfisch! Ich schwärmte für einen Jungen mit blonden Haaren und schwarzer Schülermütze, aber auch für meinen Zeichenlehrer. Wie oft hatte ich Etwas vergessen und mußte nachmittags nachsitzen, wenn Herr Torban den Seminaristinnen Zeichenunterricht gab. Ich bekam dann einen Zeichenblock, und diese Bilder wurden dann meist ausgestellt.—
Als wir nach Dettmannsdorf zogen, durfte ich mir vom Bauern gegenüber einen kleinen Hund abholen von der Terrierhündin, mit der ich oft gespielt hatte. Geschenkt ? Ich durfte 2,50 Milchgeld bezahlen. Aber stolz fuhr ich meinen kleinen Hund in einem Korb auf dem Fahrrad nach Hause. – Mein Hund, mein Flocki !! Ich hatte etwas zum lirben, etwas Weiches, was zu mir mit ins Bett kroch (er war ja weiß). Ich zog ihm Puppenkleider an und brachte ihm Kunststücke bei. –

Dann waren die letzten Flüchtlinge untergebracht und mein Vater wurde als Direktor nicht mehr gebraucht. Mein Vater hätte gern die Werkstätten weiter ausgebaut und wäre gern in dieser wunderschönen Gegend geblieben, aber meine Mutter wollte nicht. Sie wollte in eine Großstadt weg von diesem mecklenburgischen Kaff. Sie wäre in Orenburg Geschäftsfrau gewesen und wollte nun auch ein Geschäft haben.

Die Französische Straße in Berlin-Mitte beim Gendarmenmarkt
Sie hatten dann auch ein kleines Delikatessengeschäft in der Französischen Straße in Berlin gefunden, neben dem großen Delikatessen-Borchart.
Dezember 1924 zogen wir nach Berlin.

Zum Abschied schrieb mir mein Zeichenlehrer in mein Poesie-Album:
Gaben, wer hätte sie nicht !
Talente, ein Spielzeug für Kinder !
Erst der Ernst macht den Mann,
Erst der Fleiß das Genie !



Das war nun die so erlebnisreiche Zeit in Güstrow.
Eins zwei drei im Sauseschritt läuft die Zeit! Wir laufen mit!
Im nächsten Abschnitt wird es dann ernster, erwachsener.
Bis später …

Sonntag, 29. November 2009

Es war 1996, als unsere Mutter mit im Alter von 87 Jahren sich hinsetzte und uns in einem Heft etwas sehr wichtiges aus ihrem Leben niederschrieb. Ich will diese vielen Seiten so wiedergeben, wie sie gefüllt sind. Nur schade, daß Mutter darin anscheinend müde wurde – das Schreiben endet irgendwann und so irgendwo.

Januar 1996
Vorwort:
Meine Kinder, meine Enkel haben mich recht oft gebeten, einmal aufzuschreiben, was ich so in meinem langen Leben erlebt habe. Leider hat mir dazu immer die Zeit und die Ruhe gefehlt. Nun ist vor 1½ Jahren mein lieber Mann, mit dem ich 65 Jahre verheiratet war, von mir gegangen. Ich habe ihn 5 Jahre betreut, anfangs mit Parkinsonismus, dann Schlaganfall. Es waren wunderschöne Jahre, voller Zärtlichkeit und Liebe.--
Jetzt bin ich zur Ruhe gekommen und nun kann ich damit beginnen von mir zu berichten.

1. Moskau.
Wenn ich mit meinem Leben beginne, so muß ich bei meinen Eltern und Großeltern anfangen, damit ersichtlich wird, warum ich in Moskau geboren wurde.-
Meine Mutter, Fanny Auguste Vockerodt[7], wurde 1875 in Ohrdruf in Thüringen geboren. Ihr Vater, Friedrich Vockerodt[14], war Leinewebermeister, Knopffabrikant und Kaufmann in Ohrdruf. Er hatte einen Bruder, August, der wanderte immer der Sonne entgegen und landete in Orenburg am Ural. Er gründete eine Wurstfabrik und eine Konditorei. Er soll mit seinen Fabrikaten den Zaren beliefert haben und ein Millionär geworden sein. Er holte sich seine Mitarbeiter aus Thüringen, die alle vier Jahre ausgetauscht wurden.

Meine Großmutter, Luise Vockerodt[15], starb 1889, als meine Mutter 14 Jahre alt war. Mein Großvater[14], der eine Reihe Kinder zu versorgen hatte, wollte wieder heiraten, was meine Mutter nicht ertragen konnte. Als Onkel August wieder in Ohrdruf war, ist sie mit ihm nach Orenburg an den Ural gegangen.—

Mein Vater, Friedrich Wilhelm Tönse[6], ist in Bromberg geboren. Sein Vater, Wilhelm Tönse[12], hatte ein Geschäft für feine Leinewebereien, er belieferte die umliegenden Rittergüter und Güter mit Textilien, hauptsächlich Aussteuern. Mein Vater studierte in Leipzig. Er hatte einen Freund, Arthur Vockerodt, der Sohn von August Vockerodt in Orenburg.

Leider mußte mein Vater sein Studium in Leipzig abbrechen, da mein Großvater[12] schwer erkrankte, so daß er zurück nach Bromberg mußte. 1898 starb mein Großvater, Wilhelm Tönse[12]. Das Geschäft war sehr verschuldet, mein Großvater hatte die Güter wohl beliefert, aber die hatten dann nicht bezahlt. Und mein Vater versuchte nun das Geschäft vor dem Konkurs zu retten. –

Im Januar 1903 heiratete sein Freund Arthur Vockerodt, in Leipzig, mein Vater wurde zu dieser Hochzeit eingeladen. – Fanny Vockerodt[7] kam ebenfalls zu dieser Hochzeit aus Orenburg und war die Tischdame meines Vaters. Vater wurde im Anschluß an die Hochzeit nach Orenburg eingeladen. Er heiratete am 3.2.1903 Fanny Vockerodt, meine Mutter.

Das junge Paar kam zurück nach Bromberg, wo meine Schwester, Gertrud, im November 1903 geboren wurde. Im Oktober 1904 starb meine Großmutter Wanda[13 ]. Jetzt hielt meinen Vater nichts mehr in Bromberg und noch 1904 wanderte mein Vater nach Moskau aus. –

Viele meiner Tönse-Vorfahren sind in Russland gewesen. Mein Großvater, Wilhelm Tönse[12] wurde in Petersburg geboren. Sein Vater, mein Urgroßvater[24] ist von Fürstenberg/Mecklenburg nach Petersburg ausgewandert. Er gründete eine Weberei und hat die bunten Kopftücher für die russischen Frauen gewebt. Mein Großvater[12] vertrug das Klima in Russland nicht und ging zurück nach Deutschland. –

Die erste Zeit muß für meine Eltern in Moskau sehr schwer gewesen sein. Dann bekam mein Vater sehr bald eine Anstellung bei einer Expeditionsfirma, Er lernte die russische Sprache und gründete dann selbst eine Firma »Maschinentechnisches Büro für die Glasindustrie«, Lieferung kompletter, maschineller Anlagen. Er erzählte meinem Mann, daß er von der Firma Merck in Darmstadt einen ganzen Wagon mit Fieberthermometern geliefert bekam, das Stück für 50 Pfennig, in Moskau für 1 Mark verkauft.

Mein Vater hat es nie bereut nach Moskau gegangen zu sein! Die Weite des Landes und das leichte Vorwärtskommen hatten es ihm angetan. Und so wurde ich 1909 in Moskau geboren. Meine Mutter sagte mir „bei den Ursulinen“. Ich weiß nicht, war das ein Kloster oder ein Krankenhaus. –

An viele Dinge kann ich mich noch erinnern.
An die letzte große Wohnung mit dem langen Flur, an dessen Ende ein Fenster mit Butzenscheiben war, davor stand eine „Königin der Nacht“.
An die Küche mit dem „Tschornifot“, dem Aufgang für das Personal. Dort kam ein Chinese mit langem schwarzen Zopf, gelben Gesicht und Schlitzaugen. Immer, wenn ich nicht ganz brav war, sollte ich diesem Mann mitgegeben werden.
Im Schlafzimmer hingen wunderschöne, geschliffene Spiegel mit kostbaren Glasknöpfen.

Im Sommer, von Mai bis Juli, waren Ferien, schulfrei, in Moskau. Dann fuhren auch wir zu unserer Datsche. Ich entsinne mich noch der weichen Waldwege, gesäumt von den weißen Stämmen der Birken, auf denen wir mit dem Pferdewagen von der Bahnstation fuhren. Auch sehe ich noch vor mir die Felder mit Gurken und Wassermelonen, die vielen Pilze, Rotkäppchen,Birkenpilze etc. – Immer sind es kleine Bildausschnitte: Der Brand des großen Bolschoi-Theaters, der Aufstand gegen die Deutschen, wo Alles auf die Straße geworfen wurde, Kleidung über den Drähten der Straßenbahn hing und Klaviertastendie Straßen bedeckten.—

Das letzte Weihnachten 1914:
Wir hatten zwei große Tannenbäume, von der Erde bis zur Decke. Sie waren voll behängt mit Schokoladenkringeln, Zuckerwaren, denn mein Vater belieferte auch Süßwarenfabriken mit Staniolverpackungen etc. Und die beschenkten ihn dann zum Weihnachtsfest. Auch Geschenke gab es in reichlicher Menge. –

Aber der erste Weltkrieg war im August 1914 ausgebrochen. Ein Jahr konnten wir noch in Moskau bleiben, da wir angeblich einen schwedischen Namen hätten und die Polizei unssützen konnte. –

Hier möchte ich einmal anhalten, auch wenn es noch weitergeht mit „Moskau“.

Ich habe verschiedentlich Kennzahlen (z.B. „[12]“) einfügen müssen, damit man bei den genannten Vorfahren weiß, von wem die Rede ist, diese Kennzahlen sind auch in dieser kleinen Ahnentafel eingetragen.

Doch, damit man sich die verschiedenen Orte einprägen kann, damit man auch eine Vorstellung von den Reisewegen bekommt, hier zwei Verbindungen. Man kann das nicht mit dem heutigen Reisebedingungen vergleichen, da gab es keinen Taktverkehr, es gab reichliche Grenzkontrollen. Schnellzüge waren teuer, fuhren vielleicht einmal in der Woche. Sonst mußte man eben mit vielem Umsteigen rechnen, Übernachtungen kamen noch dazu und auch Wege von einer Endstation zur anderen.

Ohrdruf in Thüringen – Orenburg am Ural (heute ~ 68 Stunden Reisezeit mit der Bahn



Bromberg (einst Westpreussen) – Moskau in Russland (heute ~ 23 Stunden Reisezeit mit der Bahn)


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Im August 1915 mußten wir aber innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen. Meine Eltern schlossen die Wohnung ab und übergaben den Nachbarn die Schlüssel, spätestens in einem Jahr würde der Krieg vorüber sein.

Als Austauschgefangene konnten wir nun das Land verlassen. Unser Mädchen kam mit zum Bahnhof und schenkte mir und meiner Schwester ein kleines silbernes Kreuz. –
Unsere erste Station war Kiew – in Erinnerung: Ein verräucherter Warteraum mit einer trüben Funzel an der Decke, stickige Luft und viel, viele Menschen.

Hier wurden wir dann in vergitterte Wagons gesteckt. Die Fahrt ging über Odessa, Bukarest, Budapest nach Wien. Wir fuhren durch Schluchten, rechts und links der Bahn hohe Berge. Ich nehme an, es waren die Karpaten. Wir kamen nach Wien – Wie lange diese Fahrt gedauert hat, ich weiß es nicht.

In Wien hatte man Baracken aufgestellt mit langen Tischen. Hier gab es nach der langen Reise ein warmes Essen. Eine Reissuppe! Ich habe immer noch den Geruch dieser köstlichen Suppe in meiner Nase. –


Unsere nächste Station war Dresden, wo wir uns einige Tage bei einem Studienfreund meines Vaters, Arthur Spalteholz, erholen konnten. –



Dann ging es weiter nach Ohrdruf in Thüringen.
 
Der Bruder meiner Mutter, Heinrich, bewohnte jetzt das Elternhaus meiner Mutter. Ich entsinne mich noch an das große Haus, mit den Laubengängen im Hof. Es schien mir Alles ein wenig düster. Lange blieben wir dort nicht. Wir kamen auf das Schloß, dort war ein Schwager meiner Mutter so eine Art Verwalter. –

Damit endet das Kapitel Moskau. Im nächsten Bericht schildert uns Mutter von dem Leben in Ohrdruf und dem Umzug nach Güstrow.